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Bordeaux 1934 im Jahr 2007.

Bericht einer ziemlich seltenen Verkostung.

Nur zehn Bordeaux standen zur Verkostung an. Die allerdings waren aus demJahr 1934. Unser Schweizer Korrespondent Sigi Hiss liess es sich nicht nehmen deswegen extra nach London zu jetten.

Bordeaux 1934 im Jahr 2007.
Die Raritäten vor der Probe.


Eine kleine aber namhafte Auswahl von insgesamt 10 Bordeaux, bestehend aus neun Rotweinen und einem Sauternes standen in London zur Verkostung bereit.

Alle Flaschen hatten als Füllniveau mindestens obere Schulter oder besser und nur der Leoville Barton war auf dem Château neu verkorkt worden – alle anderen waren noch im Originalzustand. Gastgeber war Linden Wilkie von der Londoner Wein-Event-Agentur "Fine Wine Experience", die das ganze Jahr über solch hochinteressante Weinproben veranstaltet.

1934 ist eindeutig der beste Jahrgang aus diesem Jahrzehnt, 1937 schien lange Zeit ebenbürtig, ist aber seit einiger Zeit schon nur in seltenen Fällen noch geniessbar.

Entscheidend für die sehr gute Qualität der Trauben war der Regen, der im September einsetzte und dringend nötig war. Juli und August hatten den Rebstöcken mit ihrer Hitze und der damit verbundenen Trockenheit deutlich zugesetzt. Die Ernte war mengenmässig sehr gross, dank des erwähnten Regenn aber von sehr guter Qualität.

Verkostet wurden:

1. Branaire-Ducru
2. Ducru-Beaucaillou
3. Leoville Barton – neu verkorkt
4. Leoville-Las-Cases
5. Margaux
6. Lafite-Rothschild
7. Latour
8. Petit Village
9. Cheval Blanc
10. Climens

Cheval Blanc ist ein Genuss.

Cheval Blanc ist ein Genuss.
Cheval Blanc.
Der beste der neun Rotweine war Cheval Blanc, mit sehr deutlichem Abstand zum Rest des Feldes. Nicht nur in dieser Reihe, sondern auch über Jahrgänge und Châteaus hinweg gesehen, ein grandioser Wein. Höchste Eleganz, Finesse und eine seidig-samtene grossartige Struktur zeichnen diesen Wein aus. Mürbe rote Früchte gepaart mit getrockneten aber auch frischen Feigen, ein herrlicher langer und feingliedriger Abgang – wenn man davon noch eine Flasche findet, sollte man sie kaufen.

Sehr gut war erstaunlicherweise Petit Village aus dem Pomerol. Sehr schöne rote und schwarze Fruchtnoten, deutlich zu schmeckendes Pflaumenmus und mit Geschmeidigkeit und Substanz am Gaumen ausgestattet. Auch hier eine ganz klare Kaufempfehlung.

Auf dem gleichen sehr guten Niveau war der Leoville Las Cases, nicht ganz die Wärme und Fülle des Petit Village aber mit mehr Struktur. Nicht der Schmeichler sondern eher der burschikose Charmeur.

Schon deutlich gereift...

Schon deutlich gereift...
Lafite.
Noch gut waren Lafite-Rothschild und Latour, wobei der Lafite der etwas bessere Wein war und eine schöne Balance hatte. Beim Latour schieden sich die Geister, für mich war er sehr rustikal mit ausgetrockneter harter Tanninstruktur und eher kurzem Abgang. Es soll merklich bessere Flaschen geben.

Komplett ausgezehrt und schon mit deutlich scharfer Säure zeigten sich Branaire-Ducru, Ducru-Beaucaillou, Leoville Barton und Margaux.

Der Branaire-Ducru stand anfangs mit mehr Substanz und einer runderen Säure im Glas, baute dann aber rasch ab. Bei diesem Wein war auch die flüchtige Säure anfangs deutlich geringer, die zum Schluss hin jedoch stärker wurde. Der Ducru-Beaucaillou hatte frisch eingeschenkt eine massive Nase nach flüchtiger Säure, welche gegen Schluss ihrem Namen alle Ehre machte und nur noch im Hintergrund wahrnehmbar war. Nach 30 Minuten war er der deutlich bessere Wein..
Margaux und Leoville Barton waren in den ewigen Jagdgründen angekommen und dies vermutlich schon seit einiger Zeit.

Vom einzigen Weisswein der Degustation waren alle Verkoster beeindruckt. Vergessen sollte man nicht, dass ein Süsswein nach all den trockenen, manchmal sehr spröden Rotweinen, organoleptisch ein Quantensprung ist und auch ein eher mässiger Sauternes hier in gewissem Masse beeindruckt hätte.

Diese Flasche Climens war jedoch über solche Zweifel erhaben. In der Nase feinster Safran mit hellem getrocknetem Obst und Birnenkompott. Am Gaumen kein Sumo-Ringer sondern eher ein durchtrainierter Zehnkämpfer - will sagen: Balance, Harmonie und Eleganz. Ein reifer Sauternes bietet doch soviel mehr als ein gerade mal 15 oder 20 jähriger Sauternes, meint der Autor.

Fazit.

Fazit.


Bis auf wenige Ausnahmen bieten Bordeaux-Weine aus dem Jahr 1934 keinen allzu grossen Genuss mehr. Immerhin sind diese Weine schon 73 Jahre in der Flasche und ein absoluter Spitzenjahrgang war 1934 auch nicht. Immer wieder muss man erwähnen, dass bei solch alten Weinen die Varianz von Flasche zu Flasche sehr deutlich ausfallen kann.

Abhängig von der Lagerung und dem jeweiligen Abfüller kann das von ungeniessbar bis zum Jahrhundertwein reichen. Man sollte vor dem Kauf auf Berichte und Degustationsnotizen bekannter Verkoster zurückgreifen, um zumindest die ganz bösen Überraschungen zu vermeiden.

Wirklich untrinkbar sind zwar die wenigsten, aber doch schon teilweise ausgezehrt und ausgetrocknet. Fruchtnoten sind schon Vergangenheit, so leben die Weine eher von ihrer Struktur, wunderbaren Balance, Eleganz und Finesse. Der Cheval Blanc aber ist schlichtweg grandios.

Der Climens ist auf dem Zenit und sicher noch 5 – 10 Jahre auf diesem Niveau, zusammen mit Yquem und Coutet gehört er zu den besten Sauternesweinen von 1934.
© by Helmut Knall
last modified: 2008-01-14 02:09:59

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