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Die Bioniere.

Südtirols Familie Loacker kann auch Brunello.

Das Bio-Weingut der Familie Loacker in Montalcino. Für mich persönlich, eine ganz besondere Geschichte, weil es ja selbst für Wein-Journalisten, nicht viele Weingüter gibt, die man von Beginn an "begleiten" kann. Das ist einer dieser glücklichen Zufallstreffer.

Die Bioniere.


Corte Pavone. Ich kannte die Geschichte von Rainer Loacker, der seinerzeit keine Neapolitaner-Schnitten mehr sehen konnte und aus dem Familien-Unternehmen ausstieg, um sich hoch über Bozen als Bionier (Ja noch einmal lesen) mit einem Weingut selbständig zu machen.

Ich hatte das Glück, in den 1990er-Jahren Italo-VIEL (Ja, auch das meine ich so) zu werden - und für Feinschmecker, WeinGourmet, ÖGZ, Hotel & GV-Praxis und einige andere (Danke euch allen!) Artikel schreiben zu dürfen.

So habe ich auch den Rainer Loacker kennengelernt, der damals mit dem Fahrrad von Südtirol in die Toscana radelte - und sich 1996 in die schönste Zypressen-Allee verliebte.
Er kaufte das Gut, baute um, stellte auf natürlichen Anbau um, holte nach und nach auch seine Söhne ins Boot und produzierte Biodyn-Brunello. Die ganze Gegend schüttelte den Kopf, was dieser Straniero aus dem Norden denn da machen will - aber der Südtiroler Sturschädel machte einfach.

Mit dem 2001er holte er mich ab. Da gab ich in der Anteprima (Hier Benvenuto Brunello genannt) erstmals ziemlich viele Punkte. Heute weiss ich ich, es waren zu wenig. Aber ich wurde damals schon von einigen internationalen Kollegen ein wenig belächelt.

Denn der war nicht dick, nicht kraftstrotzend, da kam nie die Idee auf, da könnte "zufällig" ein bisserl Cabernet oder Merlot reingerutscht sein. Nein, das war fruchtig, elegant, würzig-pikant und feinnervig strukturiert - und - unglaublich süffig. Einfach geiles Zeug. Und das ist es heute noch.

Es folgten 2002 - ein Wetter-Katastrophen-Jahrgang in Italien - und 2003. Das genaue Gegenteil, der heisseste und trockenste Jahrgang seit Ewigkeiten. Da war es ziemlich wurscht, welcher Name auf dem Etikett stand, dem Knall schmeckten die alle nicht.

Aber dann kam 2004. Viele grandiose Weine in Montalcino, aber halt auch viele, die zu viel wollten. Einer meiner Lieblinge war - eh scho wissen - Corte Pavone. Ich gab ihm 94 Punkte. (Das war damals, bevor Parker, Falstaff & Co begannen, nur mehr zwischen 95 und 99 zu werten, eine internationale Top-Wertung).

Wieder wurde ich ein wenig belächelt. Denn auch dieser Wein war eher feingliedrig und elegant, denn die fette Tanninbombe, die sich meine Kollegen wünschten.

Und so ging es weiter.

Und so ging es weiter.


Der neue Keller wurde eröffnet, ein legendäres Fest übrigens - und Franz Josef Loacker, der sich bis dahin in internationalen Sterneküchen und -Hotels hochgekocht hatte, kam in das Familien-Unternehmen. Er bildete "the missing link", könnte man sagen, denn der ewig-unruhende creative Vater (der inzwischen noch ein bissl was in der Maremma geil fand) und der penible Bruder, der die Ideen des Vaters zu genialen Weinen verfeinerte, brauchten einen, der das Zeug auch verkauft, denn irgendwie müssen auch die besten Weine irgendwann verscherbelt werden, damit wieder Kohle in die Kassa kommt. Und das macht er ziemlich gut, der Franz-Josef. (Dass an dem Erfolg auch etliche wunderbare Mitarbeiter und -Innen beteiligt waren, sei auch erwähnt, denn die waren es, die Leute wie mich und so manchen Importeur auch in schwierigen Zeiten bei der Stange hielten).

2004 Riserva. Wow. Sag ich nur.

 2004 Riserva. Wow. Sag ich nur.


Nun, Ende Oktober 2017, durfte ich eine der feinsten Vertikalen geniessen.

1990 und 1991 - Weine, die Rainer Loacker quasi mit dem ganzen Weingut "mitkaufte" - und die sich heute quirlig und taufrisch präsentierten, wenn auch in einem deutlich anderen Stil, weil eben noch vom Vorgänger. Aber auch sie zeigen, was das für ein grandioses Stück Land ist.

1996 - eine nicht hundertprozentig perfekte Flasche, was wieder zeigt, wie dumm es ist, dem Produzenten vorzuschreiben, welchen Verschluss er wählen will, denn da war hinter dem leichten Schleier so viel Eleganz...

1997 ein grandioser "warmer" Jahrgang, dicht, finessenreich und endlos lang, Und die 97er Riserva, genau das weswegen Brunello weltweit berühmt wurde. Kraftstrotzende Eleganz nenne ich das jetzt einmal. Eigentlich nicht das, was mir persönlich taugt, weil fast ein bisserl zu viel von allem, aber dabei immer elegant - und mit Balance, Struktur und Trinkanimo, hat nach 20 Jahren eine Frische, dass ich mich traue, ihm noch einmal so viele Jahre zuzutrauen.

2001 - der verbotene Glasverschluss. (Da kommt übrigens noch was - legt schon einmal Geld zur Seite). Wieder so ein Jahrgang, der von allen Kollegen niedriger bewertet wurde, von mir damals schon 92 - heute noch deutlich mehr. Denn genau so will ich Brunello haben. Komplex, aber feingliedrig, mit enormer Frucht, Eleganz und Tiefe, ewig lang und dabei trotzdem ein wunderbarer Speisenbegleiter.
(Ich durfte vergangenes Jahr die Riserva aus der Magnum kosten, die da noch ein Schauferl drauflegt - glücklich derjenige, der die dann bei der Weinversteigerung fürs Integrationshaus erstand - Übrigens heuer 16.11. - nicht vergessen).

2003. Ja, eigentlich nicht mein Jahr, wie schon erwähnt, aber trotz seiner "warmen Art" mit fast eingekochten Früchten, wo die Kirschfrucht fast zum Zwetschkenröster mutiert, wieder diese Kräuterwürze und wieder diese Eleganz - einfach grandios. Halt nicht in der Weinbar nach der Arbeit, und auch nicht wirklich zum Essen. Aber wer das nachvollziehen kann: Kaminfeuer, Lehnstuhl und gutes Buch. Statt dem Rum aus Guatemala, dem XO-Cognac oder dem Single Malt. Auch mit Zigarre oder Bitterschoko-Konfekt. Und dann den Alltag vergessen. Viel besser als Fernsehen.

2004. Okay, der "normale" hatte einen Flaschenfehler und war leider trüb - machte mir nix, weil ich ihn oft trinken durfte und hoch gelobt hatte.

2004 Riserva, den hatte ich allerdings seit der Anteprima nie wieder.
Wow. Sag ich nur. Einer der drei besten überhaupt.

2005 schwieriger Jahrgang, begann grossartig und schüttete Ende August Unmengen an Regen über die Toscana. Wer damals richtig pokerte, bekam einen Wein mit Charakter, Ecken und Kanten, aber ungemein spannend. So wie der hier. Wenn ihr den im Keller habt - holt ihn in der nächsten Zeit rauf, gebt ihm viel Luft, schneidet euch Wildschwein-Salami, Prosciutto und Coppa auf - und ihr werdet tanzen...

2008 - reduktives Stinkerl. Also, dekantieren und ein paar Stunden lang immer wieder in der Karaffe kreisen lassen. Für so Wein-Wahnsinnige wie mich - ein Höllenspass. Ich habe das heute soooo genossen. Jede halbe Stunde geht der Wein ein bisserl mehr auf. Nach ein paar Stunden: einfach grandios. Was soll ich denn jetzt schon sagen. Eh klar, man hat den Knall belächelt als er dem 95 Punkte gab, damals bei Benvenuto Brunello vor ein paar Jahren. Und ich nehme keinen Punkt zurück - ich sage jetzt sogar eher 96. Und lasst ihn noch zehn Jahre im Keller, mindestens.

2009. Tja. Was soll ich sagen. Das ist mit Sicherheit, einer der allerbesten Brunello, die ich in all den Jahrzehnten trinken durfte. Nein. Nix gespuckt. Und ich sage, trinkt ihn jetzt, er hält zwar sicher noch zehn Jahre, aber was soll denn da noch besser werden?

Geht nicht. Der Wein ist am Höhepunkt. Dunkel, komplex, rauchig-würzig, dicht, Mörder-Struktur, perfekt balanciert, seidige aber kraftvolle Tannine, keine Spur von Pelz oder Adstringenz, wird im grossen Glas immer besser - trinken.

Völlig wurscht ob das jetzt 95 oder 100 Punkte sind. Es ist ein Vergnügen, ein Genuss. Grandios!

2010. Der gehypte Super-Jahrgang, den der Knall wieder - in Summe - nach knapp hundert Proben, nicht so hoch sehen wollte, wie der Rest der Jubelschreiber.

Aber dieser Corte Pavone 2010 entwickelt sich ganz wunderbar. Und ich weiss nur eines, der wird noch besser, der hält noch gute 15-20 Jahre. Schade um jede Flasche, die jetzt schon aufgemacht wird. In den Keller damit, wir reden dann 2030 weiter.

Denn - bevor wir 2010 trinken, trinken wir 2011 und 2012. Beide ganz ausgezeichnet in den 90er-Punkterln, der 11er, eher der "understatement" Typ, erinnert mich aber an 2008 - und - lest oben nach... - eben.

Der 12er der "everybodies darling" mit hinterfotziger Elegenz und Länge. Hält vielleicht auch länger, als ich ihm jetzt zutraue, aber eh wurscht, wir trinken ihn einfach, weil wir ja noch 2010 im Keller haben.

Und zum Abschluss nochmal ein Riesen Danke!

Denn wir durften auch die nächsten Jahrgänge vom Fass verkosten - und ich kann euch sagen, ich freu mich auf 2013, 2015, 2016 und - subskribiert schon einmal, denn davon gibt es nicht einmal 50% der normalen Menge - den ziemlich genialen 2017er.

Grazie an das gesamte Loacker-Corte Pavone-Team.
Für die Gastfreundschaft und die wirklich liebevolle Betreuung!
© by Helmut Knall
last modified: 2017-10-29 00:35:55

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